Täglich treffen wir rund 20’000 Entscheidungen. Die meisten davon sind zum Glück eher trivial. Doch in der neuen agil-lernenden Netstream wird Führung verteilt, und so treffen wir nun vermehrt auch wichtige Entscheidungen. Doch was bedeutet es überhaupt, Entscheidungen zu treffen? 

Mit dem Schritt in eine agil-lernende Organisation will die Netstream AG Führung verteilen und so flexibel und reaktiv auf Marktanforderungen reagieren. «Marketing» kommt ja bekanntlich von «Market». Wie könnte ich also als Marketinglerin ein System ablehnen, das seine ganze Struktur nach dem Markt ausrichtet, und bei dem ich sogar entscheiden darf? Sehnsüchtig habe ich also seit der Bekanntgabe des neuen Führungssystems auf die Transformation gewartet.  

Vor gut fünf Monaten wurde ich gemeinsam mit vier Kollegen in den Geschäftskreis «Cloud» transformiert. Der Cloud-Kreis ist die direkte Verbindung zum Markt und den Kunden, verantwortet das Portfolio und auch die Umsetzung der Lösungen. In unserem Kreis haben wir die Führung auf alle Kollegen verteilt. Dies bedeutet, dass wir nun nicht mehr auf die Entscheidungen von «oben» warten, sondern die Kompetenz, innerhalb eines gegebenen gestaltbaren Rahmens, direkt im Kreis liegt. Das klingt doch himmlisch – nicht? Zwar hatte ich schon davor in meinem Verantwortungsbereich einige Entscheidungen zu treffen, doch stehe ich nun vor der Herausforderung, auch vermeidlich neue Themen wirtschaftlich orientiert mitzuentscheiden. Da erhält das Wort «Entscheidung» eine völlig neue Bedeutung. 

Tägliche Entscheidungsmasse 

Tagtäglich treffen wir rund 20’000 Entscheidungen. Meistens passieren Entscheidungen nicht nur in Rekordtempo, sondern auch äusserst unbewusst. Es fängt bereits morgens früh an, wenn ich mich kurzfristig entscheide, bei meinem Wecker die «Schlummertaste» zu betätigen, geht dann irgendwann vor meinem Kleiderschrank weiter und zieht sich hin bis zur Kaffeemaschine im Büro, die mit ihrer grossen Auswahl keine Hilfe ist. Selbst der Entscheid, der Gewohnheit zu folgen, ist auch eine Wahl. Zum Glück sind die meisten Entscheidungen trivial und ziehen keine grossen Kausalitäten mit sich – zumindest keine signifikanten. Doch das Treffen von Entscheidungen nimmt im Arbeitsalltag kein Ende. Sie sollten möglichst klug und effizient getroffen werden und natürlich immer mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit.  

Wir werden von Gefühlen und Ängsten beeinflusst 

Mit jeder Entscheidung für etwas schliessen wir allerdings gleichzeitig eine Vielzahl an Alternativen aus. Daraus resultiert, dass jede Entscheidung auch mit einem Verlust verbunden ist (gegen was man sich am Ende entschieden hat). Wir neigen dazu, uns weitaus mehr mit dem Verlust zu beschäftigen und trauern diesem hinterher, als uns über das Entschiedene zu freuen. Aus Angst vor dem Verlust treffen wir so Entscheidungen, die uns kurzfristige Belohnung versprechen. Wir sollten uns jedoch nicht mit unseren Ängsten im Wege stehen. Auch Gefühle funken in unsere Entscheidungen hinein. Wir sollten uns also diesen bewusst sein und trotzdem nicht zu Robotern im Alltag mutieren. 

Entscheidungen wirken sich langfristig aus 

Häufig haben Entscheidungen aber auch eine eher langfristige Auswirkung. Das vereinfacht das Treffen von Entscheidungen nicht wirklich – ich weiss. Wir müssen im hier und jetzt eine Entscheidung treffen, deren Auswirkung wir jedoch erst in der Zukunft sehen. Teilweise sprechen wir hier von Jahren, die bis zum Ziel vergehen können. Wir haben demnach immer einen gewissen Wissensstand, mit dem wir versuchen, die bestmögliche Entscheidung zu treffen und stellen immer bis zu einem gewissen Grad Vermutungen an – wir sind keine Hellseher.  

Die Entscheidung 

Führt man sich das oben Geschriebene vor Augen, scheint das mit dem Entscheiden gar nicht mehr so einfach. Jetzt sollen wir also möglichst effizient und zum Wohle der Firma entscheiden. Wir werden von verschiedenen Gefühlen oder Ängsten beeinflusst. Viele der Entscheidungen sind ziemlich langfristig und führen wohl oder über Kausalitäten mit sich. Zusätzlich haben wir den Drang zur Perfektion.  

Doch nun kommt das Geniale an der Agilität: Wir dürfen Entscheidungen anpassen und verbessern! Denn auf dem Weg zum Ziel sammeln wir weitere Informationen und stossen manchmal auch auf Schwierigkeiten. Diese Erfahrungen machen uns immer etwas schlauer und befähigen uns dazu, den Weg zum Ziel etwas zu verbessern. Dazu kommt, dass wir uns bemühen, selbstreflektiert zu sein. Selbstreflexion bräuchte jetzt sicherlich einen eigenen Blogpost. Es geht im Kern darum, sich vor jeder Entscheidung darüber im Klaren zu sein, welche Gefühle und Ängste einen umgeben, diese zu äussern und eine Lösung zu finden. Hier hilft der sehr strikte Entscheidungsprozess, mit dem wir arbeiten (mehr dazu mal in einem neuen Blogpost). Am Ende schlagen wir einen neuen Weg ein und erhalten eine grosse Chance, Teil der Lösung zu sein. 

Fazit 

Es ist bestimmt nicht einfach, alle Entscheidungen im Team mitzufällen und auch mitzutragen. Doch das Gute dabei ist, es geht uns allen gleich. Dazu kommt, dass wir alle dasselbe Ziel haben. Wir wollen alle marktorientiert und agil arbeiten und Entscheidungen gemeinsam fällen und tragen. Ein System, das sich nach dem Markt ausrichtet und bei dem ich mitentscheiden darf, kann ich also nicht ablehnen. Den ersten Schritt haben wir getan und die wichtigste Entscheidung auch bereits getroffen – wir wollen Veränderung und wir sind dabei! Nun folgt der Lernprozess, viele weitere Entscheidungen, Gefühle und Ängste, gepaart mit einer gesunden Portion Mut. 

Mehr zu diesem Prozess lesen Sie in der Rubrik „Organisationsentwicklung“